Am Sonntag den 21.02.99 gegen 17:30 war es vollbracht
- der 16. Deutsche Meister im Dameneishockey heißt Mannheimer ERC. In einem packenden und
hochklassigen Endspiel bezwangen die Mannheimerinnen den hochfavorisierten Gastgeber TUS
Geretsried mit 6:4 (1:0 2:0 3:4).
Zum vierten Mal seit der Gründung 1982 konnten Mannheimer Damen zum
Saisonfinale den Titelgewinn feiern, nach 1988, 1990 und zuletzt 1992 war es ein
befreiendes Gefühl wieder ganz oben zu sein. Und dies zudem unter sehr schwierigen
Bedingungen, den vor der Saison verließen nicht weniger als sieben Leistungsträgerinnen
(darunter 5 Nationalspielerinnen) den letztjährigen Vizemeister. So ging das Team von
Trainer Danilo Valenti in eine ungewisse Spielzeit und selbst die Qualifikation für die
Endrunde schien fraglich zu sein. Schon einmal nach der Saison 1994, in der man das Finale
gegen Geretsried unglücklich verloren hatte, mußte man einen großen Schnitt hinnehmen
und versank ins Mittelfeld der Bundesliga.
Der diesjährige Schnitt wurde jedoch in einer ganz anderen
Qualität vollzogen. Die Umstellung des Spielsystems, weg von den hochtalentierten
Einzelspielerinnen wie Maren Valenti, hin zu einem geschlossenen Mannschaftsspiel
funktionierte diesmal viel besser. Zudem wuchsen die nun geforderten Führungsspielerinnen
geschlossen in die neue Verantwortung. Während der Saison blühten Spielerinnen wie
Maritta Becker, Anja Scheytt, Natascha Schaffrik oder die Torhüterin Nadine Spanihel
regelrecht auf und hielten, wie das gesamte Team der ungewohnten Verantwortung stand.
Der Weg ins Finale - Durch die
Bundesliga-Nord
Inzwischen ist das Dameneishockey eine
etablierte Sportart. Meister wird man hier nicht zufällig. Es reicht auch nicht ein oder
zwei Top-Spielerinnen zu haben, wie dies vielleicht vor zehn Jahren der Fall war. Die
beiden Bundesligen absolvieren ein hartes Programm, welches gerade die Mannheimerinnen
starken Belastungen aussetzt. Durch die Randlage zu beiden Ligen bedingt, ist bereits jede
Anfahrt zu den Spielen problematisch. Reisen nach Weißwasser, Berlin und Hannover müssen
erst absolviert werden.
In dieser Spielzeit galten die MERC-Damen in Hinsicht auf die
Abgänge, wahrlich nicht zu den Favoriten der Bundesliga-Nord. Scharfe Konkurrenz war aus
Berlin, Wiehl und Grefrath zu erwarten. Doch bereits das erste Spiel beim TUS Wiehl sollte
ein Fingerzeig für die Saison sein. Unsicher über die eigene Stärke angereist, siegte
man schließlich mit 4:2. Nachdem dann das erste Heimspiel gegen den KEV Hannover mit 4:1
gewonnen war, sprachen die Experten schon wieder vom Favoriten aus Mannheim und lobten die
Paradereihe um Becker, Scheytt und Schaffrik. Spätesten nachdem diese Reihe auch das
schwere Auswärtsspiel in Weißwasser mit 5:0 für den MERC gewonnen hatten, zeigte sich,
daß die Einschätzungen richtig waren.
Von nun an dirigierte Natascha Schaffrik das Spiel von hinten und
verzichtete, mannschaftsdienlich agierend, auf eine bessere Scorerstatistik. Nadine
Spanihel stand absolut sicher im Tor und im Sturm wirbelten Maritta Becker und Anja
Scheytt die Gegner durcheinander. Dies funktionierte natürlich nur, weil alle
Mitspielerinnen stets am Limit spielten.
So mußte man in der Bundesliga Nord lediglich in Berlin ein 2:2
hinnehmen und eines der letzten Saisonspiele verlor man zu Hause gegen den TUS Wiehl mit
3:4.
Ein besonderes Highlight setzten die Damen am letzten Spieltag der
Vorrunde, als man in Grefrath mit 6:1 gewinnen konnte. Bis dahin lagen die beiden
Konkurrenten gleichauf und die leistungsmäßige Rangfolge war noch unklar. Doch in diesem
Spiel zeigte sich unter anderem, daß der MERC nicht nur aus der Paradereihe besteht.
Kerstin Fischer erzielte zwei Tore und die 14-jährige Lena Gratzel, sowie Patricia
Heitzmann überzeugten als Paßgeberinnen.
Am Ende der Vorrunde standen die Damen mit 17:3 Punkten und 47:16
Toren an der Spitze. Als Scorer profilierten sich besonders Maritta Becker mit 33 Punkten
(20/13), Anja Scheytt mit 23 Punkten (10/13) und Natascha Schaffrik mit 17 Punkten (5/12).
Weiter mit der Endrunde
In die Endrunde zogen unter Mitnahme der
gegeneinander erzielten Resultate die jeweils drei Erstplazierten aus der Nord- und
Süd-Liga ein. Im Norden waren es der MERC, EC Grefrath und OSC Berlin, die sich im
letzten Spiel den Platz vom TUS Wiehl erkämpften. Aus dem Süden stießen die absolute
Top-Mannschaft TUS Geretsried, ESC Planegg/Würmtal und der Augsburger EV dazu.
Die Südligisten waren dabei sehr schwer einzuordnen. Schließlich
kamen die Meister seit 1994 (1xGeretsried und 4xEsslingen) aus dieser Liga. So sah der
Mannheimer Betreuerstab mit Manager Steffen Pfreundschuh den Spielen mit den Süd-Ligisten
mit gemischten Gefühlen entgegen. Tatsächlich nahm die Intensität der Begegnungen noch
einmal zu. Wichtigstes Ziel dabei, sich für das Halbfinale qualifizieren und wenn
möglich dem TUS Geretsried aus dem Weg gehen. Zur Mannschaft stieß für die letzten
Spiele mit Rebekka Marenbacher vom ausgeschiedenen TUS Wiehl, eine angesichts des kleinen
Kaders willkommene Verstärkung.
Das erste Spiel konnte man beim Augsburger EV mit 8:2 gewinnen. In
diesem Spiel setzte Maritta Becker mit fünf Toren einen neuen Markstein auf ihrem
persönlichen Weg zur Top-Spielerin. Bereits beim 3:3 im Rückspiel sorgte sich Steffen
Pfreundschuh um die Konzentration der Mannschaft. Allzu leicht hatte man einen 3:1
Vorsprung aus der Hand gegeben. Zudem spielte die Konkurrenz mit Ausnahme der souveränen
Geretsrieder eine ausgeglichenen Runde. Selbst mit 10:2 Punkten und vier Spieltage vor
Rundenende war man noch nicht sicher im Halbfinale. In der dritten Endrundenbegegnung kam
es am 16.Januar in Geretsried zum sportlichen Debakel. Das Ziel war ein enges Match und
das Resultat war eine 14:4 Niederlage bei den Bayern. Und diese war noch nicht mal
unverdient. Sicher war man nicht 10 Tore schlechter, obgleich die Bayern mit ähnlichen
Resultaten fast alle Top-Teams dieser Spielzeit beehrten. Erst eine Woche zuvor mußten
sich die Grefrather mit 11:2 in eigener Halle den Damen um Trainer Oswald geschlagen
geben. Nun stellte sich die Frage, welche Auswirkungen dieses Spiel auf die Moral der
jungen Mannschaft im weiteren Rundenverlauf haben würde. Schon im nächsten Heimspiel
gegen die ähnlich stark eingeschätzten Planeggerinen mußten sich die Damen um Trainer
Valenti neu beweisen und sie taten es eindrucksvoll. Mit 8:5 nach kuriosem Spielverlauf
wurde dieses Match gewonnen. Die wichtigste Erkenntnis war sicher, daß der Wille zum
Erfolg im Team absolut intakt war. Nachdem man sich bis zur 32min. eine 5:1 Führung
erspielte, mußten die Damen innerhalb von 4 Minuten den Ausgleich hinnehmen. Dabei fielen
allein in der 32 Spielminute 3 Gegentore! Statt des nun zu erwartenden neuen Desasters
fing sich das Team und entschied das letzte Drittel mit 3:0 für sich.
Die Kräfteverhältnisse für die Finalrunde waren geklärt. Das
Heimspiel gegen Geretsried verlor man wie erwartet mit 4:6 und die Partie in Planegg wurde
mit 3:1 gewonnen.
Nach dieser Runde hatten sich die Mannheimerinnen als zunächst
zweite Kraft in Deutschland etabliert. Insgesamt erreichte man 11 Siege, 2 Remis und
verlor 3mal. Auch in der Endrunde überzeugten Maritta Becker mit 18 Scorerpunkte (15/3)
und Anja Scheytt mit 14 Punkten (5/9).
Mit Spannung zum Finalturnier
Als am Samstag um 15:00 das erste Bully
zwischen Geretsried und dem glücklich qualifizierten OSC Berlin gespielt wurde, schien
der Meister schon festzustehen. Alles deutete auf den Gastgeber des Turniers. Eine
überzeugende Saison, die besten Einzelspielerinnen mit Christina Oswald, Andrea
Weissbach, Rosi Strobel und dem kommenden Supertalent, der 16-jährigen Michaele Lanzl und
ein überschäumendes Selbstvertrauen in eigener Halle sprachen für sich. Tatsächlich
wurden die Berlinerinnen beim 7:1 (2:0 4:0 1:1) nach belieben beherrscht. Die Partie war
nicht mehr als eine lässig absolvierte Pflichtaufgabe, die ein deutliches Signal für den
kommenden Finalgegner sein sollte.
Halbfinale Mannheimer ERC - ESC
Planegg/Würmtal 5:1 (2:0, 2:1, 1:0)
Im Zweiten Halbfinale sahen sich die
MERC-Damen erneut mit dem ESC Planegg/Würmtal konfrontiert. Diese hatten zwar innerhalb
der letzten zwei Wochen zweimal gegen den MERC verloren, doch in beiden Spielen genügend
Chancen gehabt die Mannheimer Schwächen zu erkunden. Vor dem Spiel wurden die Münchner
Vorstädter sehr hoch eingeschätzt, da sie zwar ohne Topstar auskommen mußten und doch
mit sieben Länderspielerfahrenen Damen sehr ausgeglichen besetzt waren.
Das erste Drittel begann offensiv von beiden Seiten und es
entwickelte sich ein offener Schlagabtausch! Chancen für Becker und Scheytt bei Mannheim
und Rumswinkel bei Planegg, machten das Spiel spannend. Anja Scheytt war die Wegbereiterin
des Erfolges. In der 7. und 18.Spielminute stellte sie mit zwei schönen Toren die 2:0
Führung sicher. Im zweiten Drittel konnte Sandra Rumswinkel nach 2 Minuten den
Anschlußtreffer erzielen. Darauf häuften sich auf beide Seiten die Chancen und leider
auch die Strafzeiten, die Mannheim dann eiskalt nutzte und mit 4:1 durch Becker (30.) und
Marenbach (35.) das Drittel beendete. Im letzten Spielabschnitt gab es noch einige
sehenswerte Einschußmöglichkeiten und auch noch einen weiteren Treffer für Mannheim
(Becker, 55.), der den Finalplatz endgültig besiegelte!
Das Finale TuS Geretsried - Mannheimer
ERC 4:6 (0:1, 0:2, 4:3)
Nachdem sich der ESC Planegg/Würmtal mit
einem 4:0 über den OSC Berlin bei der ersten Finalteilnahme den dritten Platz gesichert
hatte erwartete man mit Spannung den Höhepunkt des Turniers.
Vor dem Finale stand eine Einschätzung aus der Eishockey-News vom
17.02 im Raum: " Die Leistungsdifferenz im Team des MERC ist eigentlich zu groß, um
Meister werden zu können." Dagegen der Optimismus von Franziska Reindl bei
Geretsried: " Wir haben den Killerinstinkt und wir werden Deutscher Meister! Wir sind
unschlagbar". Aber auch dies war mit Beginn des Spiels Makulatur. Im letzten Jahr
verloren die MERC-Damen ausgerechnet in eigener Halle im Finale zum ersten Mal überhaupt
in der Spielzeit, warum sollte es Geretsried nicht auch so gehen.
Das erste Drittel zwischen Nord- und Südmeister bot dann auch
Top-Eishockey mit Chancen auf beiden Seiten. Besonders Nadine Spanihel verdiente sich
Bestnoten.. In Überzahl erzielte Miriam Graf das 1:0 für Mannheim. Christina Oswald
hatte den Puck nicht kontrollieren können. Um das nun immer hitzigere Spiel zu beruhigen,
ermahnte HSR Manuela Gröger beide Kapitäne (Oswald/Schaffrik) eindringlich. Spielerisch
gab es sehenswerte Aktionen von Lanzl (sie feierte ihren 16. Geburtstag), Strobl,
Weissbach bei Geretsried und Becker, Scheytt und Marenbach (MERC), die aber spätestens an
den Torfrauen scheiterten.
Das 2. Drittel begann direkt wieder mit hohem Tempo und einigen
guten Chancen in den ersten Minuten. Maritta Becker nutzte eine dieser in der 24. Minute
mit einem Gewaltschuß und Nachschuß um auf 2:0 zu erhöhen. Darauf setzte Geretsrieds zu
einem Sturmlauf auf das Mannheimer Tor an und mehrere Minuten kam Mannheim kaum aus dem
Drittel. Aber mit einer Glanzleistung konnte Nadine Spanihel gleich reihenweise
Geretsrieder Einschußmöglichkeiten zunichte machten. Dann fand Mannheim wieder Tritt und
auch die Angriffe kamen wieder vor das Tor von Manuela Hirt. Wieder Maritta Becker, mit
einem Schlagschuß, erzielte das 3:0. Das letzte Drittel brachte nochmal Spannung pur!
Erst erhöhte Anja Schnetz auf 4:0 - alles schien klar, dann kam ein Geretsrieder
Doppelschlag und mit 2:4 schien wieder alles offen. Erst als Maritta Becker aus dem
eigenen Drittel einen Befreiungsschlag macht und dieser unglücklich zum 5:2 ins
Geretsrieder Tor trudelt - war wohl alles entschieden.
Marquardt erzielte das 3:5. Dann zwei Mannheimerinnen auf der
Strafbank und 2 Minuten 3 gegen 5. Anja Scheytt erhält den Puck in Unterzahl geht über
das gesamte Feld und macht das 6:3. Nach dem 4:6, das 2 sek. vor Ablauf der Mannheimer
Strafe fiel, nahm Geretsried die Torfrau die letzten beiden Minuten raus. Einen Treffer
gab es aber nicht mehr, da Becker nur den Pfosten des leeren Tores traf. Weit über 40
Schüsse gab es auf das Tor von Nadine Spanihel und sie war der Garant des Mannheimer
Erfolges und der 16. dt. Meisterschaft.
Mit 5 Toren und 2 Assists spielte Maritta Becker ein überragendes
Finalturnier.
Bei aller momentan vorherrschenden Freude und Begeisterung bleibt
die Verpflichtung auch in der neuen Saison trotz aller Schwierigkeiten, die es auch im
Dameneishockey gibt, eine ordentliche Rolle zu spielen. Vielleicht finden sich dann auch
einige interessierte Zuschauer zu den Spielen der Deutschen Meister ein. Zumindest konnte
die Amateurabteilung des MERC ein weiteres positives Zeichen im regionalen Sportgeschehen
setzen.
Statistik
0:1 (5-4)(11.) Miriam Graf (Kerstin
Fischer/Maritta Becker) - 0:2 (24.) Maritta Becker - 0:3 (36.) Maritta Becker - 0:4 (42.)
Anja Schnetz (Natascha Schaffrik) - 1:4 (44.) Wiltrud Schmid (Andrea Weissbach) - 2:4
(45.) Michaela Lanzl (Christina Oswald/Rosi Strobl) - 2:5 (49.) Maritta Becker - 3:5 (50.)
Nadine Marquardt - 3:6 (3-5)(57.) Anja Scheytt - Unterzahl - 4:6 (58.) Andrea Weissbach
(Oswald/Marquardt)
Strafen: 10min. - 18min. ; Zuschauer ca. 1000
Das Meisterteam
Tor : Nadine Spanihel
Verteidigung: Anja Schnetz, Kristine Maier, Nicole Loth, Christina
Fischer, Natascha Schaffrik
Sturm: Kerstin Fischer, Anja Scheytt, Patricia Heitzmann, Tanja
Gelo, Melanie Rach, Maritta Becker , Constanze Weiß, Merle Schindler, Rebekka Marenbach,
Lena Gratzl, Miriam Graf
Trainer: Danilo Valenti, Manager: Steffen Pfreundschuh, Betreuer:
Thomas Weber, Hermann Frank
Besonderer Dank für die Berichte der Finalspiele an Martin Melich
Alexander Maischein
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